Die Finanzierungsfrage darf die Versorgungsdebatte nicht dominieren

Beitrag im April 2026 in der Schweizerischen Ärztezeitung

Das Sorgenbarometer 2025 zeigt klar: Für 45 Prozent der Bevölkerung sind Gesundheitskosten und Krankenkassenprämien die grösste Sorge. Das müssen wir ernst nehmen.

Nicht primär, weil das Schweizer Gesundheitswesen im internationalen Vergleich besonders hohe Kosten aufweist. Mit 11.7% Anteil Gesundheitsausgaben gemessen am BIP bewegt sich die Schweiz zwischen Deutschland und Frankreich – vergleichbare Wohlstandsländer. Entscheidend ist vielmehr, dass die Finanzierung von vielen Haushalten zunehmend als ungerecht erlebt wird. Und auch deshalb, weil diese Entwicklung direkte Auswirkungen auf die Versorgung hat.

Der zentrale Belastungsfaktor ist die einkommensunabhängige Kopfprämie. Ergänzt durch Franchise und Selbstbehalt entsteht eine Kostenlast, die weitgehend unabhängig von der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit anfällt. Für Haushalte mit tiefen und mittleren Einkommen – gerade auch für Familien – bedeutet dies eine überproportionale Beanspruchung des verfügbaren Einkommens, die ohne individuelle Prämienverbilligung überhaupt nicht mehr tragbar wäre. Aus gesundheitsökonomischer Sicht handelt es sich um eine regressive Finanzierung, die das Solidaritätsprinzip strukturell schwächt.

Die SP setzt sich deshalb seit Jahren für eine gerechtere Finanzierung des Gesundheitswesens ein. Systematisch richtig wäre eine einkommensabhängige Ausgestaltung der Prämien. Die von der SP lancierte «Prämien-Entlastungs-Initiative» forderte, dass Krankenkassenprämien höchstens 10% des verfügbaren Einkommens betragen dürfen. Auch wenn die Initiative an der Urne scheiterte, konnte mit dem indirekten Gegenvorschlag ein wichtiger Fortschritt erzielt werden: Er verpflichtet die Kantone, mehr Mittel für die Prämienverbilligung bereitzustellen und sich stärker an der Belastung der Haushalte zu orientieren. Sie müssen künftig festlegen, wie hoch die Krankenkassenprämien im Verhältnis zum Einkommen maximal sein dürfen. Gleichzeitig werden Mindestbeiträge der Kantone eingeführt, damit die Verbilligungen mit den steigenden Prämien Schritt halten. Eine einheitliche nationale Obergrenze – wie von der Initiative gefordert – enthält der Gegenvorschlag jedoch nicht. Damit bleibt die konkrete Entlastung weiterhin je nach Kanton unterschiedlich. Zudem ist dieses zusätzliche Engagement zunächst noch bescheiden, wird aber mit der Kostenentwicklung an Bedeutung gewinnen.

Trotz dieser Verbesserung bleibt die finanzielle Belastung für viele Menschen hoch. Das hat zur Folge, dass sich ein grosser Teil der gesundheitspolitischen Diskussion um Kosten dreht – und viel zu wenig um den Nutzen unseres Gesundheitswesens.

Selbstverständlich müssen wir auch über Kosten sprechen, insbesondere dort, wo sie ohne medizinischen Mehrwert entstehen: Bei nicht realisierten Effizienzgewinnen, bei Fehlbehandlungen infolge tariflicher Fehlanreize oder bei nicht sachgerechten Vergütungsmechanismen. Ebenso wichtig wäre es aber, gezielt in Bereiche zu investieren, die kurzfristig nicht zwingend kostensenkend wirken, langfristig jedoch entscheidend sind: Gesundheitskompetenz, Prävention, Interprofessionalität und koordinierte Versorgung.

Vor allem aber müssen wir – jenseits aller Kostendiskussionen – wieder stärker über den Mehrwert unseres Gesundheitswesens für die Menschen sprechen: über Lebensqualität, Selbstbestimmung und Lebenserwartung. Genau diese Nutzenperspektive geht in Politik und Öffentlichkeit bisweilen verloren, weil die heutige Finanzierung den Blick fast zwangsläufig auf die monatliche Prämienrechnung verengt.

Gerade deshalb braucht es einen gesundheitspolitischen Perspektivenwechsel. Die zentrale Frage darf nicht allein lauten, wie Kosten gebremst werden können, sondern wie Finanzierung, Zugangsgerechtigkeit und medizinischer Nutzen besser zusammengedacht werden. Erst wenn die soziale Schieflage der Kopfprämien entschärft wird, kann die Debatte dorthin zurückkehren, wo sie hingehört: zur Qualität und Zukunftsfähigkeit der Versorgung.

Quellen: UBS Sorgenbarometer 2025 von gfs.bern; BFS Kennzahlen 2023