Lawinentote in Basel

Lawinentote in Basel 900 693 Sarah Wyss

Einen absurderen Titel gibt es nicht. Noch nie wurde ein Basler Haus von einer Lawine verschüttet. Dennoch sind alle Hausbesitzer:innen am Rheinknie obligatorisch gegen die Folgen eines Lawinen-Niedergangs auf ihre Liegenschaft versichert. Und sie bezahlen auch dafür. Die Prämie liegt gleich hoch wie in Andermatt, Andeer oder Adelboden.

Die obligatorische Naturgefahren-Versicherung vereint seit den 50er-Jahren die Schweiz zu einer Schicksalsgemeinschaft. Alle tragen die Schäden der anderen mit. Die Besiedlung der Bergtäler wäre ohne Solidarhaftung zu riskant. Teile von Ascona, von Sarnen oder der Berner Matte liegen in Überschwemmungsgebieten, die mit risikogerechten Versicherungsprämien kaum nutzbar wären.

In Basel gehen die wahren Gefahren von latent drohenden Erdbeben aus. Die nächste Erschütterung in gleicher Stärke wie in Teilen Italiens oder in Haiti wird so bestimmt kommen wie das Amen in der Kirche. Wann wir diesen Schock erleben, ist offen. Die Wahrscheinlichkeit ist morgen oder übermorgen gleich gross wie in 100 oder 1000 Jahren. Deshalb werden neue Gebäude, etwa das Naturhistorische Museum und das Staatsarchiv im St. Johann, mit Millionenaufwand auf Erdbebensicherheit getrimmt und alte – wie die Kaserne – beim Umbau teuer nachgerüstet.

Seit Jahren diskutieren Politiker:innen den Einbezug des Erdbebenrisikos in die obligatorische Versicherung. Die Preiserhöhung für alle wäre minim. Sie läge bei 30 Franken für ein mittleres Reihenaus im Neubad. Eine entsprechende Einzelpolice kostet heute bis zu 1000 Franken pro Jahr, weshalb nur wenige Private versichert sind.

Gegen die solidarische Erdbebenversicherung argumentiert beispielsweise die Thurgauer Regierung sinngemäss so: „Weshalb sollen alle Schweizer wegen der Erdbebengefahr, die ein paar Basler und Walliser betrifft, höhere Prämien entrichten?“ Weil einzelne Kantone auf stur stellen, ist eine vernünftige Lösung seit 20 Jahren blockiert.

Nicht einmal der Hinweis darauf, dass beide Basel klaglos die Folgen von Überschwemmungen in Arbon oder eines Steinschlags in Alpnach mitfinanzieren, löste bei den Thurgauern ein Umdenken aus. Ein neues Argument aus unerwarteter Quelle könnte den Knoten lösen: Die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich, die im runden Hochhaus beim Bahnhof SBB zuhause ist, hat kürzlich das Risiko von Naturkatastrophen für die wirtschaftliche Entwicklung untersucht. Das Gutachten kam zum Schluss, dass die Folgen von starken Erdbeben sich nicht auf die lokalen Schäden beschränken. Fast ebenso gravierend ist der volkswirtschaftliche Effekt. Am Beispiel Basel könnte dies bedeuten: Wenn die hiesige pharmazeutische Industrie über Wochen und Monate mit Wiederaufbau beschäftigt ist und nicht mehr exportieren kann, fallen schlagartig bis zu einem Viertel der Schweizer Exporte weg. Und dann guckt auch der Thurgau in die Röhre.

Nachdem der Ständerat sich im März 2021 auf eine schweizerische Erdbebenversicherung mittels Systems der Eventualversicherung einigen konnte, stimmte heute auch der Nationalrat der Motion zu. Die Eventualversicherung trägt der Tatsache Rechnung, dass ein Erdbeben hoffentlich nie (oder äusserst selten) eintritt und es ist nur eine Kompromisslösung. Aber endlich – nach jahrelangem Zerren ein erster wichtiger Schritt. Wir bleiben am Thema weiter dran! Dieses Thema ist noch nicht vom Tisch.

PS: Der Thurgau wurde hier stellvertretend genommen, da sich der Kanton jahrelang negativ geäussert hat. Die Minderheit (Ablehnung der Motion) heute wurde durch Nationalrat Jauslin aus dem Kanton Aargau vertreten.