Mein Artikel in der Ärztezeitung Synapse vom Februar 2026
Gesundheit ist für den Körper, was Sicherheit für die Gesellschaft ist: eine unverzichtbare Grundlage für Freiheit, Würde und sozialen Zusammenhalt.
Ohne Gesundheit ist individuelle Selbstbestimmung ebenso wenig möglich wie gesellschaftliche Teilhabe; ohne Sicherheit verlieren demokratische Freiheiten ihren realen Gehalt. Beides sind elementare Grundbedürfnisse, die sich nicht rein privat garantieren lassen. Für beide tragen wir eine kollektive Verantwortung.
Bei der Sicherheit ist anerkannt, dass es sich um eine selbstverständliche staatliche Kernaufgabe handelt, während Gesundheit häufig als primär private Verantwortung dargestellt wird. Krankheit ist aber kein individuelles Versagen, sondern Teil der menschlichen Existenz. Und Gesundheit ist ebenso existenziell wie Sicherheit – und verdient deshalb einen vergleichbaren Stellenwert in Finanzierung, Organisation und politischer Verantwortung.
Das Schweizer Gesundheitswesen ist historisch anders gewachsen als das Sicherheitswesen, das schon immer eine staatliche Aufgabe war. Die Krankenversicherung ist zum Beispiel erst seit 1996 für alle obligatorisch, doch wird diese nicht staatlich, sondern durch private Krankenkassen umgesetzt. Finanziert wird das System über einkommensunabhängige Kopfprämien, ergänzt durch Steuergelder und erhebliche direkte Eigenzahlungen der Patientinnen und Patienten.
Organisatorisch ist Sicherheit meist eine hoheitliche Aufgabe (mit privaten Sicherheits- und Ordnungsdiensten bei privaten oder kommerziellen Anlässen). Im Gesundheitswesen hingegen stehen sich Spitäler, Kliniken und Leistungserbringer in Konkurrenz gegenüber – selbst dort, wo Kooperation und Koordination im Interesse der Patientinnen und Patienten wären.
Die im internationalen Vergleich hohen Prämien, Franchisen und Selbstbehalte führen dazu, dass der Zugang zur Gesundheitsversorgung in der Schweiz stärker von der individuellen finanziellen Situation abhängt als der Zugang zu Sicherheit. Niemand muss – glücklicherweise – eine Police abschliessen, um im Notfall Hilfe von der Polizei oder Feuerwehr zu erhalten. Im Gesundheitswesen hingegen kann finanzielle Belastung dazu führen, dass notwendige Behandlungen aufgeschoben oder ganz unterlassen werden. Das widerspricht dem Grundsatz der Chancengleichheit.
Die Stärken des bestehenden Systems
Diese Kritik führt jedoch nicht zur Schlussfolgerung, dass ein vollständig staatlich finanziertes und organisiertes Gesundheitswesen – etwa nach britischem Vorbild – für die Schweiz anzustreben wäre. Das bestehende System hat unbestreitbare Stärken.
Die Wartezeiten sind kurz, der Zugang zur Versorgung ist grundsätzlich gut, und im internationalen Vergleich zählt die Schweiz bezüglich Qualität zu den Spitzenreitern. Dies ist einerseits der Versicherungspflicht und dem umfassenden Leistungskatalog zu verdanken, andererseits der föderalen Struktur, die eine wohnortnahe Versorgung ermöglicht. Innovationen in Medizin, Organisation und Technologie sind im heutigen System grundsätzlich möglich und werden nicht durch starre globale Budgets blockiert.
Der klar definierte Leistungskatalog der obligatorischen Krankenversicherung stellt sicher, dass alle Versicherten Anspruch auf notwendige Leistungen haben. Sparmassnahmen auf anderen staatlichen Ebenen wirken sich nicht – zumindest nicht direkt – auf die individuelle medizinische Versorgung aus. Diese Stabilität ist ein zentraler Wert des Systems.
Fehlanreize im Gesundheitsmarkt
Doch jede Medaille hat zwei Seiten. Mit einem jährlichen Volumen von rund 94 Milliarden Franken ist das Gesundheitswesen der grösste Wirtschaftssektor der Schweiz. In einem solchen Markt spielen finanzielle Anreize zwangsläufig eine grosse Rolle. Heute werden Leistungen vielfach nach Quantität abgegolten – nach Anzahl Interventionen, Behandlungen oder Fällen. Dies kann zu Fehlanreizen führen: Mehr Leistungen bedeuten mehr Einnahmen, unabhängig davon, ob sie medizinisch notwendig oder patientenzentriert sind. Es bedeutet aber auch, dass es grundsätzlich bei finanziell weniger lukrativen Leistungen weniger Anbieter gibt, das kann zur Unterversorgung führen.
Solche Fehlanreize liegen weder im Interesse der Patientinnen und Patienten noch im Interesse der Prämien- und Steuerzahlenden. Ein regulierter Gesundheitsmarkt braucht deshalb klare Leitplanken. Vergütungssysteme müssen so ausgestaltet sein, dass sie die bestmögliche Behandlung fördern – qualitativ wie auch im richtigen Setting. Ambulant soll vor stationär gehen, wenn medizinisch sinnvoll, und Koordination soll gegenüber Fragmentierung belohnt werden.
Ebenso wichtig ist eine vorausschauende Planung der Gesundheitsberufe und Anbieterstrukturen. Es braucht genügend Fachkräfte in allen Bereichen, aber kein Überangebot, das zusätzliche Nachfrage erzeugt, ohne den gesundheitlichen Nutzen zu erhöhen. Das langjährige Defizit in der Grundversorgung zeigt, dass Marktmechanismen allein hier nicht funktionieren.
Prävention und Solidarität stärken
Ein weiterer Bereich, der im System eines – selbst regulierten – Marktes strukturell zu kurz kommt, ist die Prävention. Vorsorge, Gesundheitsförderung und frühe Interventionen rechnen sich volkswirtschaftlich und menschlich, sind aber kurzfristig oft nicht profitabel. Deshalb müssen Prävention und öffentliche Gesundheit gezielt staatlich gefördert und gestärkt werden – zum Wohle der Menschen und der öffentlichen Finanzen.
Finanzierung führt zum Kostenröhrenblick
Zudem droht durch den hohen Anteil der Kopfprämien- und «out-of-pocket»-Finanzierung ein einseitiger Kostenfokus. Wenn steigende Prämien zum dominierenden politischen Thema werden, geraten Nutzen, Qualität und Solidarität aus dem Blick. Eine stärkere Steuerfinanzierung des Gesundheitswesens könnte hier gegensteuern und die Finanzierung gerechter ausgestalten.
Auch die heutigen Prämienregionen sind kaum zu rechtfertigen: Der Leistungskatalog ist schweizweit gleich, Krankheiten machen nicht an Kantonsgrenzen halt. Einheitlichere Prämienstrukturen wären ein Schritt hin zu mehr Solidarität unter der Bevölkerung.
Gesundheit ist kein Konsumgut
Gesundheit ist mehr als ein Konsumgut. Sie ist eine kollektive Verantwortung. Gesunde sollen Kranke unterstützen, Jüngere die Älteren, Stärkere die Schwächeren. Ein solidarisches Gesundheitswesen braucht Marktmechanismen dort, wo sie nützen – und staatliche Verantwortung dort, wo der Markt versagt. Nur so bleibt Gesundheit das, was sie sein muss: eine gemeinsame Grundlage für Freiheit, Würde und sozialen Zusammenhalt.